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Zur ungebrochenen Faszination eines grossen Theologen

by webadmin last modified 2006-02-20 16:44

Auch in der Schweiz wird im nächsten Jahr Dietrich Bonhoeffers gedacht. Was seine Faszination und Bedeutung ausmacht und warum Bonhoeffer aktuell bleibt. Von Heinz Rüegger.

Am 4. Februar 2006 würde Bonhoeffer 100-jährig. Gestorben ist er allerdings bereits am 9. April 1945, kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Erst 39-jährig, wurde er auf ausdrücklichen Befehl Hitlers im KZ Flossenbürg umgebracht.

Ein Theologe mit weltweiter Ausstrahlung

Dietrich Bonhoeffer ist wohl derjenige deutschsprachige Theologe des vergangenen Jahrhunderts, der bis heute die grösste und auch die breiteste weltweite Ausstrahlung gewonnen hat. Die Faszination, die sein Schaffen und sein Lebensweg auslösen, hat längst alle Sprach- und Konfessionsgrenzen überschritten. Dabei ist für Bonhoeffer besonders charakteristisch, dass manche seiner Schriften auch theologisch nicht vorgebildete Leserinnen und Leser ansprechen. Mir fällt immer wieder auf, wie viele Menschen Bonhoeffer bereits als Teenager zu lesen begonnen haben und von ihm beeindruckt wurden. Was ist es, das Bonhoeffers Faszination ausmacht?

Bonhoeffer als Märtyrer

Dass Bonhoeffers Leben und Werk einen so nachhaltigen Einfluss hinterliess, hängt gewiss damit zusammen, dass er sich am politischen Widerstand gegen Hitler beteiligte, deswegen am 05. April 1943 verhaftet und dann zwei Jahre später hingerichtet wurde. Seine in «Widerstand und Ergebung» zusammengefassten und postum von Eberhard Bethge herausgegebenen Briefe aus dieser Gefängniszeit, die auf ergreifende, authentische Weise seine Situation menschlich-persönlich und theologisch-spirituell reflektieren, haben nach dem Kriegsende dazu beigetragen, Bonhoeffer für viele zu einem glaubwürdigen Zeugen des christlichen Glaubens zu machen.


In einem Vortrag vor Vikaren der Bekennenden Kirche hatte Bonhoeffer 1935 die These aufgestellt: «Der eigentliche Anstoss der Welt an der Verkündigung der Kirche liegt gar nicht an der Verständlichkeit der Worte und Texte von Kreuz und Auferstehung, sondern an der Glaubwürdigkeit. Weil Kirche und Pfarrer anderes sagen als sie tun. Die Existenz des Verkündigens ist aber das Medium der Vergegenwärtigung (des Evangeliums).» Die Art, wie Bonhoeffer immer wieder aus seiner theologischen Überzeugung praktische Konsequenzen nicht nur postuliert, sondern mit seinem eigenen Leben zog – bis hin zur Bereitschaft, sein Leben aufs Spiel zu setzen – ist wohl der zentralste Grund für seine Ausstrahlung. Ein knappes Jahr vor seinem Tod schrieb er aus dem Gefängnis: «Nicht durch Begriffe, sondern durch Vorbild bekommt das Wort der Kirche Nachdruck und Kraft.» Bonhoeffer hat durch die glaubwürdige Verbindung von Denken, Reden und Leben in schwierigen Zeiten etwas von dieser Vorbildlichkeit und Glaubwürdigkeit gewonnen, die auch heute noch bewegen und für das Suchen nach eigenen, heutigen Formen des Christseins hilfreich sein können.

Das Fragmenthafte und Spannungsvolle

Bonhoeffers Werk – gerade in seiner letzten Phase – und sein Leben, das noch vor Erreichen des 40. Geburtstags gewaltsam abbrach, blieben offenkundig unvollkommen, fragmenthaft, ein Torso. Er selber hat es so empfunden und reflektiert. Aber gerade dieses Unabgeschlossene seiner Überlegungen, seines Suchens und Handelns erschliesst denen, die sich auf ihn ein-lassen, ein Stück Freiheit; es motiviert zu eigenem Weiterdenken und bewahrt vor der Versuchung, ein geschlossenes dogmatisches System unkritisch zu übernehmen. Vielleicht hat es darum in der Theologie nie so etwas wie eine «Bonhoeffer Schulrichtung» gegeben, wie es z.B. Bartianer oder Bultmannianer gab.


Die Bedeutung des Fragmentarischen, Unabgeschlossenen in Bonhoeffers Werk kommt uns Menschen der Postmoderne besonders entgegen, die wir kritisch geworden sind im Blick auf die «grossen Erzählungen» und geschlossenen theoretischen Entwürfe.


Dazu kommt, dass Bonhoeffer auf faszinierende Weise Akzente miteinander verbindet und in einer spannungsvollen Ganzheit zusammenzuhalten vermag, die wir im westlichen Protestantismus weiterhin in ein fragwürdiges Entweder-Oder auseinander dividiert haben: Das Akademisch-Intellektuelle und das einfältig Fromme; die Konzentration auf die Kirche und die radikale Weltzuwendung; den Pazifismus der Bergpredigt und die Teilnahme am gewaltsamen Widerstand gegen Hitler; die Hochschätzung des Monastischen und die Freude an sinn-lichen Genüssen, die Herkunft aus noblem Professorenhause und die Arbeit mit Berliner Proletarier-Jugendlichen; das Insistieren auf einer strengen Christusnachfolge mit einer geregelten Frömmigkeitspraxis und die Skepsis gegenüber allem «Religiösen», die ihn zur Vision einer nicht-religiösen Gestalt eines künftigen Christentums führte. Gewiss, Bonhoeffer vollzog im Verlauf seines Lebens Akzent-Verschiebungen im theologischen und im spirituellen Bereich. Dennoch konnte er auch später noch frühere Akzente in ihrer bleibenden Gültigkeit stehen lassen und in seine Position integrieren. Anders als manche seiner späteren Interpreten war Bonhoeffer im Rückblick der Meinung, «dass mein Leben völlig ungebrochen verlaufen ist».

Unterschiedliche Rezeptionslinien

Es verwundert darum nicht, dass Bonhoeffer von ganz verschiedenen theologischen und frömmigkeitsmässigen Richtungen auf ihre je einseitige Weise vereinnahmt worden ist. Pietisten und Evangelikale beriefen sich vor allem auf den Bonhoeffer der mittleren Phase, wie er in den Büchern über die «Nachfolge» und das «Gemeinsame Leben» fassbar wird, konnten aber wenig mit der Idee eines religionslosen Christentums anfangen. Progressiv-liberale Kreise im Umfeld der Gott-ist-tot-Theologie inspirierten sich umgekehrt gerade an Bonhoeffers Kirchen- und Religionskritik in «Widerstand und Ergebung» und versuchten sich in einer nicht-religiösen Interpretation biblischer Begriffe, während sie den «frommen» Bonhoeffer eher für eine überholte Vorstufe hielten. Deutsche Universitätstheologie rezipierte Bonhoeffer lange Zeit schwerpunktmässig im Bereich der hermeneutischen Fragestellungen, während Bonhoeffer in der amerikanischen Theologie stärker unter ethischen Fragestellungen interpretiert wurde. Die in «Gemeinsames Leben» festgehaltenen Erfahrungen mit dem Versuch kommunitären Lebens unter Pfarrvikaren fanden starke Beachtung im Aufbruch evangelischer Kommunitäten in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts.


Sie alle liessen sich von Bonhoeffer – oder besser: von bestimmten Akzenten seines Denkens und Lebens – inspirieren und fanden bei ihm Ermutigung und Orientierung für ihre je eigenen Projekte. Die spannungsvolle und spannende Vielschichtigkeit von Bonhoeffers Weg und Werk könnte, als zusammenhängendes vielfältiges Ganzes verstanden, viel dazu beitragen, falsche Polarisierungen zu überwinden und zu einem ganzheitlicheren, facettenreicheren und evangelischeren Christsein zu gelangen.
In diesem Sinne lohnt sich eine intensive Auseinandersetzung mit Dietrich Bonhoeffer auch heute. Wir sind jedenfalls weit davon entfernt, Bonhoeffers theologisches und praktisches Erbe in seinen kritischen Anfragen und in seinem anregenden Potential ausgeschöpft zu haben.

Heinz Rüegger

Dr. theol. Heinz Rüegger ist Leiter Stabsstelle Theologie und Ethik der Stiftung Diakoniewerk Neumünster – Schweizerische Pflegerinnenschule und Autor verschiedener Veröffentli-chungen zu Dietrich Bonhoeffer, darunter: Seelsorgerliche Gemeinschaft. Bonhoeffers Seelsorgeverständnis im Rahmen seiner bruderschaftlichen Ekklesiologie, Bern 1992.

aus: Notabene 4/05

Kontakt: h.ruegger@diakoniewerk-neumuenster.ch