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Ethik im Vorletzten – Ein Gespräch mit Dietrich Bonhoeffer1

Aus heutiger, post-moderner Perspektive beeindruckt das Ineinander von Offenheit und Standhaftigkeit in Bonhoeffers theologischer Ethik. Von Bernhard Neuenschwander

Meine sehr verehrten Damen und Herren

Es ist für mich wirklich eindrücklich zu sehen, welche Ausstrahlungskraft Dietrich Bonhoeffer immer noch hat. Die zahlreichen Veranstaltungen und Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt zu seinem 100. Geburtstag in diesem Jahr haben erstaunliche Resonanz gefunden, und die Fragen, die er aufgeworfen hat, stossen nach wie vor auf grosses Interesse. Offenbar hat Bonhoeffer mit dem, was er gelebt und gesagt hat, etwas auszudrücken vermocht, das über die Zeiten hinweg berührt und bewegt.

In meinem Referat geht es um einen Aspekt von Bonhoeffers Ethik, der mir in unserem heutigen, post-modernen Kontext interessant scheint: seine Unterscheidung vom Vorletzten und Letzten. Ich werde also versuchen deutlich zu machen, um was es ihm mit dieser Unterscheidung geht, um dann mit ihr das Gespräch zu suchen und danach zu fragen, ob und inwiefern wir sie in unserem post-modernen Kontext fruchtbar machen können.

Bevor ich jedoch in diese Thematik einsteige, wird es sinnvoll sein, ein paar Bemerkungen zu Bonhoeffers Leben machen. Ich will dazu nicht allzu viel sagen. Aber um Bonhoeffers Ethik zu begreifen, ist es eben doch auch wichtig, sich die Situation vor Augen zu halten, in welcher er sie verfasst hat.

Zur Biographie Dietrich Bonhoeffers

Geboren wurde Dietrich Bonhoeffer am 4. Februar 1906. Sein Vater, Karl Bonhoeffer, war Professor für Psychiatrie, zuerst in Breslau, dann in Berlin an der Chariteé. Auch die Mutter, Paula Bonhoeffer, war eine besondere Frau: Sie unterrichtete ihre 8 Kinder in den Grundschuljahren selber, denn sie war der Meinung, dass in Preussen den Menschen das Rückgrat gebrochen wird, und zwar zweimal: erst in der Schule und dann im Militär.

Als Dietrich acht Jahre alt ist, beginnt der erste Weltkrieg; und auch in die Familie Bonhoeffer reicht dieses Ereignis hinein: Dietrichs älterer Bruder Walter fällt im Krieg, im Jahr 1918, in Frankreich. Dieses Ereignis mag mit dazu beigetragen haben, dass Dietrich Bonhoeffer sich nach der Schule für das Studium der Theologie entscheidet.

Der Vater ist wenig begeistert über diesen Entschluss; auch die Brüder halten die Kirche für einen kleinkarierten, rückwärtsgewandten Verein. Dennoch geht Bonhoeffer nach Tübingen, beginnt dort sein Studium; später studiert er auch in Rom, lernt die katholische Kirche kennen.

In dieser Zeit ist in der Theologie vieles im Umbruch. Bonhoeffer lernt unterschiedliche Zugänge zur Bibel, zum Glauben, kennen. Man könnte es an zwei Theologen illustrieren: Adolf Harnack, ein grosser Berliner Theologe; der steht für das Bürgertum in Deutschland, für den Grunewald, für den Mittwochskreis, bei dem sich Professoren trafen, auch Bonhoeffers Vater; für humanistische Bildung, für Gehorsam. Und Karl Barth auf der anderen Seite: er steht für eine Arbeitergemeinde, für die Sozialdemokratische Partei, für eine Theologie, die sich den Existenzfragen des christlichen Glaubens stellt und die sich von niemandem, ganz sicher auch nicht vom Staat, Vorschriften machen lässt; wo der Glaube sich nicht einfach ins alltägliche Lebensschema einfügt, sondern wo der Glaube wie etwas völlig anderes, Fremdes in die Welt einbricht.

Bonhoeffer doktoriert, habilitiert sich; geht nach New York, lernt dort die Basisgemeinden in Harlem, im Schwarzen Amerika, kennen; die Anfänge der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, die Armenviertel. Er sieht, wie viele Menschen das Christentum in weltlichem Engagement leben. Die soziale Seite der Kirche. Es ist hier so ganz anders, als er es kennt; und doch fühlt er sich gerade da zuhause.

1931 kehrt er von diesem USA-Aufenthalt nach Deutschland zurück. Hier hatte gerade die NSDAP einen erdrutschartigen Wahlsieg errungen. Diktatur, Gewaltherrschaft, der zweite Weltkrieg werfen am Horizont ihre Schatten voraus. Bonhoeffer jedenfalls formuliert 1931 auf einer ökumenischen Konferenz: „Dem Christen ist jeglicher Kriegsdienst, jede Vorbereitung zum Kriege verboten. Die Liebe kann unmöglich das Schwert gegen einen Christen richten, weil sie es mit ihm auf Christus selbst richtet“. Dahinter steht eine Theologie, die es schon im Neuen Testament gibt, dass nämlich die Kirche, wir alle, Glieder des Leibes Christi sind. Jeder hat unterschiedliche Aufgaben und Funktionen; aber alle sind Glieder des Leibes Christi. Oder, wie Paulus auch sagt, jeder ist ein Tempel des Heiligen Geistes. Also, der Mensch wird von seiner Ebenbildlichkeit Gottes her definiert. Und ich finde es eigentlich eine sehr einfache, aber auch völlig radikale Schlussfolgerung, die Bonhoeffer daraus zieht: „Wenn man das Schwert gegen einen Menschen richtet, dann richtet man es gegen Christus selbst“.

Das könnten wahrscheinlich noch manche Theologen mitvollzogen haben. Bonhoeffer geht aber so weit, dass er sagt: Wir müssen uns als Kirche nicht nur für andere Kirchenmitglieder einsetzen, sondern auch für alle anderen Menschen – unabhängig von deren Konfession, Religion und Nationalität – also auch für die Juden!

Am 30. Januar 1933 erringt Hitler die Macht in Deutschland. Sie kennen alle diese Bilder: Seine Anhänger feiern den Sieg mit einem grossen Fackelzug durch Berlin. Bald brennt der Reichstag. Das nehmen die Nazis zum Anlass, die demokratischen Rechte ausser Kraft zu setzen: Beschränkungen der persönlichen Freiheit, der freien Meinungsäusserung, Pressefreiheit, Einriffe in das Briefgeheimnis, Anordnungen von Hausdurchsuchungen sind an der Tagesordnung. Jüdische und kommunistische Beamte werden entlassen. Übergriffe auf Juden und Andersdenkende häufen sich. Da hält Bonhoeffer einen Vortrag vor Pfarrern aus Berlin, in dem er sagt: „Wir müssen mit den Opfern solidarisch sein; wir müssen dem Rad in die Speichen fallen.“

Sie sehen: Er beschreitet einen Weg, und dieser Weg führt ihn unausweichlich in einen immer grösseren Konflikt. Er hätte diesem Konflikt aus dem Weg gehen können, er hätte schweigen können, er hätte fliehen können. Aber er bekennt sich. Und je deutlicher der Naziterror sein Gesicht zeigt, desto deutlicher wird der Widerstand Bonhoeffers. Vorerst tut er dies aber nicht in Deutschland selbst. Im Oktober 1933 übernimmt er ein Auslandspfarramt in London, im Vorort Forrest Hill. Er will, wie er sagt, für einige Zeit in die Wüste gehen.

Im April 1935 ruft ihn die Bekennende Kirche ihn nach Deutschland zurück: Er soll das Predigerseminar Finkenwalde leiten. Er führt dort Dinge ein, die für die evangelische Tradition ungewohnt sind, z.B. Meditation, Morgen- und Abendandachten, Schweigezeiten. Doch im Sommer 1937 werden die Predigerseminare von der Gestapo geschlossen. Führende Frauen und Männer aus den Reihen der Oppositionskirche werden verhaftet. Das Feiern von Gottesdiensten und das Abhalten von kirchlichen Versammlungen in „unkultischen“ Räumen wird verboten – der Staat will also die totale Kontrolle über die Kirche und jedes Eigenleben, jede Opposition, im Keim ersticken.

Im November 38 brennen die Synagogen, die sogenannte „Reichskristallnacht.

In dieser Situation versuchen amerikanische Freunde, den gefährdeten Bonhoeffer aus Deutschland herauszuholen. Sie verschaffen ihm ein Visum für die Vereinigten Staaten; er erhält einen Lehrauftrag für das Theologische Seminar in New York.

Er kommt also noch einmal nach New York, und verbringt dort die wohl schwierigsten und quälendsten Wochen seines Lebens. Und da trifft er eine Entscheidung: Drei Wochen nach seiner Ankunft kehrt er mit einem der letzten Schiffe vor Kriegsausbruch nach Deutschland zurück, um an der Seite seiner Freunde – wie er sagt – „teilzunehmen am Schicksal Deutschlands“. In Amerika zu bleiben – das wäre ihm wie ein Verrat erschienen. In New York ist er in Sicherheit. Aber er entscheidet sich, alles aufzugeben, was diese Sicherheit ausmacht. „Das Leben ist manchmal da, wo man es verliert.“ Übrigens hat ihm das auch Karl Barth geschrieben: „Als Deutscher müssen Sie jetzt an der Seite der Deutschen stehen.“

Zurück in Deutschland wird er mit einer weiteren schweren Entscheidung konfrontiert: Er hat einen Schwager, Hans von Dohnanyi. Der ist Jurist beim Amt für Spionage und Gegenspionage; er sitzt also im Oberkommando des Militärs, der Wehrmacht. Aber von Dohnanyi ist kein Nazi, im Gegenteil: Er nutzt diese Tarnung, um den Umsturz vorzubereiten, eine Gegenregierung aufzubauen. Dafür ist seine berufliche Position ideal, aber es ist natürlich lebensgefährlich. Nach den Buchstaben des Gesetzes plant er Hochverrat; wer dabei enttarnt wird, hat sein Leben verspielt. Und nun bittet Hans von Dohnanyi Bonhoeffer, mit ihm in den Widerstand zu gehen. Bonhoeffer hat ja sehr viele internationale, ökumenische Kontakte und könnte von daher als Kurier sehr nützlich sein.

Wieder muss Bonhoeffer eine schwierige Entscheidung treffen. Schliesslich entscheidet er sich, im Widerstand mitzumachen. Die Entscheidung, nichts zu tun, würde noch grössere Schuld bedeuten. Freilich lässt er keinen Zweifel daran, dass jede Anwendung von Gewalt Schuld ist und Schuld bleibt. Doch er besteht darauf, dass es Situationen geben kann, in denen ein Christ aus Liebe zum Nächsten schuldig werden muss. Er schärft seiner Kirche ein, dass die oft behauptete Neutralität in politischen Konflikten dann keine Neutralität mehr ist, wenn sie bestehende Gewalt und herrschendes Unrecht duldet.

In dieser Zeit, 1942, lernt er eine junge Frau kennen, Maria von Wedemeyer, verliebt sich in sie, verlobt sich mit ihr. Sie ist 18 Jahre jünger als er. Die Beziehung zwischen Dietrich Bonhoeffer und Maria von Wedemeyer spielt sich fast ausschliesslich in Briefen ab; und ihre Lebenswege berühren sich nur kurz. Denn kurz nachdem sie sich kennen gelernt haben, wird Bonhoeffer verhaftet. Dennoch war die Beziehung zu Maria für Bonhoeffer – gerade auch in seinen Gefängnisjahren – offenbar ganz wichtig.

Am 3. April 1943 wird Bonhoeffer zusammen mit Hans von Dohnanyi verhaftet. Zunächst kann man ihnen nichts nachweisen. Die beiden lassen sich nicht gegeneinander ausspielen. Allmählich werden die Haftbedingungen gelockert. Ein Wärter, der ihm wohlgesonnen ist, schmuggelt Briefe nach draussen. Ab und zu darf er sogar Besuch empfangen.

Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 44 werden jedoch geheime Akten gefunden, die Hans von Dohnanyi und Bonhoeffer schwer belasten. Bonhoeffer wird aus dem Militärgefängnis in Tegel abtransportiert, ins KZ Buchenwald überführt und im April 45 schliesslich – der Ausgang des Kriegs ist bereits entschieden – in das KZ Flossenbürg gebracht. Dort geht sein Lebensweg zu Ende: am 9. April wird er hingerichtet. Er hätte es anders haben können. Aber für ihn war es schlicht und einfach die Konsequenz seines Glaubens.

Ich will hier einmal innehalten. Diese paar Hinweise zu Bonhoeffers Leben sollten genügen, um das, was ich zu seiner Ethik präsentieren will, einordnen zu können.


Bonhoeffers Ethik im Vorletzten

Bonhoeffer war kein Stubengelehrter. Obwohl aufs Beste für eine akademische Karriere vorbereitet entscheidet er sich für ein praktische Engagement zunächst als Pfarrer, dann als Leiter des Predigerseminars Finkenwalde und schliesslich als Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Dennoch ist er Theologe geblieben. Es ist gerade der Theologe, der praktisch wurde und der seine Theologie durch die Praxis neu zu denken versuchte.

Allerdings ist Bonhoeffers Ethik fragmentarisch geblieben. Der nach dem Krieg unter dem Titel „Ethik“ von seinem Schwager und Freund Eberhard Bethge herausgegebene Band mit Artikeln, die Bonhoeffer in den Kriegsjahren geschrieben hat, zeigt zwar die Fülle, Tiefe und Breite von Bonhoeffers ethischen Reflexionen, jedoch kein in sich rundes und abgeschlossenes Werk. Gerade dadurch aber sind Fragmente einer theologischen Ethik entstanden, die durch ihre Prägnanz und Klarheit ansprechen und zum eigenen Weiterdenken anregen.

Hier greife ich aus diesem Ethik-Band ein Kapitel heraus, das den Titel „Die letzten und die vorletzten Dinge“ trägt. Um die Unterscheidung des Vorletzten im Angesicht des Letzten geht es hier. Ich halte mich an dieses Kapitel, weil ich der Auffassung bin, dass die Unterscheidung, die Bonhoeffer hier trifft, für die Konzipierung einer theologischen Ethik in der Post-Moderne interessante Impulse vermittelt. Allerdings muss ich, um sein Argument deutlich machen zu können, einen kleinen Umweg machen.

Die Unterscheidung von Vorletztem und Letztem ist für Bonhoeffer nämlich in der Realität der Offenbarung Gottes in Jesus Christus vorgezeichnet. Bonhoeffer interessiert sich nicht abstrakt und allgemein dafür, was ein für allemal gut sein soll, sondern die Schlüsselfrage, um die er immer und immer wieder dreht, ist die Frage, wie Christus unter uns heute und hier Gestalt gewinnt (Ethik 91). Das Stichwort, unter welchem er diese Frage in seiner Ethik thematisiert, heisst „Gestaltung“. Die Frage, wie Christus hier und jetzt gegenwärtig ist, ist die Frage, wie er hier und jetzt Gestalt gewinnt.

Für Bonhoeffer ist klar: Gestaltung ist ein umstrittenes Wort, und er ist sich gut bewusst, dass die Idee, die Welt aufgrund von Programmen, Parolen, Verordnungen zu gestalten mehr als fragwürdig ist. Das hat er mit dem Nationalsozialismus ausreichend erlebt. Gestaltung muss deshalb etwas ganz anderes sein. „Nicht um Weltgestaltung durch Planung und Programme geht es in erster Linie, sondern ... um die eine Gestalt, die die Welt überwunden hat, um die Gestalt Jesu Christi.“ Gemeint ist damit nicht eine bestimmte Lehre von Christus oder sogenannt christliche Prinzipien, die man direkt auf die Welt anwenden sollte. „Gestaltung gibt es vielmehr allein als Hineingezogenwerden in die Gestalt Jesu Christi, als Gleichgestaltung mit der einzigen Gestalt des Menschgewordenen, Gekreuzigten und Auferstandenen.“ (Ethik 85)

Auf dieser theologisches Basis beginnt und endet für Bonhoeffer alle Weltgestaltung, mithin also alle Ethik; denn in dieser Gestalt kommt zum Ausdruck, wie sich Gott und Welt zueinander verhalten. Drei Eckpfeiler sind auf diese Weise für Bonhoeffer gesetzt. Es geht um die Gestalt von Jesus Christus als Menschen, als Gekreuzigten und als Auferstanden. Das heisst konkret, dass

1. der Mensch Mensch sein soll und darf. Weil Gott Mensch geworden ist, wird alles Übermenschliche, alles Bemühen, über den Menschen hinauszuwachsen, alles Heidentum, alles Halbgöttliche als unwahr entlarvt. „Der wirkliche Mensch darf in Freiheit das Geschöpf seines Schöpfers sein; Schein, Heuchelei, Krampf, Zwang, etwas Anderes, Besseres, Idealeres zu sein, als man ist, ist hier abgetan. Gott liebt den wirklichen Menschen. Gott wurde wirklich Mensch.“ (Ethik 86)

2. ist der Mensch jedoch mit dem Gekreuzigten gleichgestaltet. Für Bonhoeffers heisst dies, dass der Mensch immer ein von Gott um der Sünde willen Gerichteter ist. Der „Mensch trägt das Todesurteil Gottes, das Sterbenmüssen vor Gott um der Sünde willen täglich mit sich herum. Er bezeugt mit seinem Leben, dass vor Gott nichts bestehen kann, es sei denn im Gericht und in der Gnade.“ (Ethik 86) Das Leben des Menschen ist, weil es von Gott entzweit ist, in einer fundamentalen Art leidvolles Leben, mag es vordergründig angenehm oder unangenehm erscheinen.

3. schliesslich wird der Mensch jedoch auch mit dem Auferstandenen gleichgestaltet. Verheissen ist darin die Möglichkeit der neuen Schöpfung. „Er lebt mitten im Tod, er ist gerecht mitten in der Sünde, er ist neu mitten im Alten. Sein Geheimnis bleibt der Welt verborgen. Er lebt, weil Christus lebt, und allein in Christus.“ (Ethik 87)

Natürlich lebt der mit dem Auferstandenen gleichgestaltete Mensch „in der Welt wie jeder andere; er unterscheidet sich oft nur in wenigem von den andern Menschen. Er legt es auch nicht darauf an, sich herauszuheben, sondern allein Christus herauszuheben um seiner Brüder willen. Verklärt in die Gestalt des Auferstandenen trägt er hier nur die Zeichen des Kreuzes und des Gerichts. Indem er es willig trägt, erweist er sich als der, der den Heiligen Geist empfangen hat und mit Jesus Christus in unvergleichlicher Liebe und Gemeinschaft geeint ist.“ (Ethik 87)

Dass der Mensch nur Mensch wird, indem er dem menschgewordenen Gott gleichgestaltet wird, ist für Bonhoeffer ganz zentral. Als Menschen sind wir im Tiefsten uns selbst in der Gestalt Christi. Bonhoeffer wäre jedoch gründlich verkannt, würde man nicht ebenso die andere Seite betonen, nämlich die, dass Christus gerade in uns Menschen Gestalt annimmt. Der Gedanke von Dorothee Sölle, dass Christus keine Hände hat nur unsere, ist ganz im Sinne von Bonhoeffer. Denn „Christus hat sein Leben auf dieser Erde noch nicht zu Ende gebracht. Er lebt es weiter im Leben seiner Nachfolger“. Bonhoeffer ist es mindestens ebenso wichtig, dass Christus hier und heute in uns Gestalt gewinnt, wie dass wir Menschen in Christus Gestalt gewinnen. Denn auf diese Weise leben wir ein christusförmiges Leben und machen wir konkret gegenwärtig, was Jesus Christus hier und heute ist. Für Bonhoeffers theologische Ethik ist dies die alles entscheidende Einsicht.

Diese Einsicht nun ist es, die Bonhoeffer zur Unterscheidung von Vorletztem und Letzten führt. Sie ist insofern nichts anders als ein Versuch, genau dieses Ineinander von In-Christus auf der einen Seite und Christus-in-uns auf der andern Seite zum Ausdruck zu bringen. Indem wir Menschen nämlich mit Jesus Christus, dem Menschgewordenen und Gekreuzigten gleichgestaltet sind, stehen wir unausweichlich unter dem Vorletzten. Indem wir freilich von seiner Auferstehung her leben, haben wir auch am Letzten Anteil. Wir sind in Christus in das geheimnisvolle Ineinander von Kreuz und Auferstehung eingeschrieben, Christus jedoch wird in uns in dem geheimnisvollen Ineinander von Vorletztem und Letztem konkret verwirklicht. Beides gehört zusammen. Aber die Unterscheidung von Vorletztem und Letztem ist ein Versuch, in moderner, weltlicher Sprache zu formulieren, wie Christus heute und hier Gestalt gewinnt.

Ich möchte hier einen kurzen Moment innehalten; denn hier geschieht etwas, das mir sehr bedeutsam scheint. Hier nämlich drückt sich Bonhoeffers Wende zu einem ethischen Christentum aus, das den mündigen, modernen Menschen ansprechen will. Im Unterschied zu Karl Barth, dem er anfangs sehr zugewandt war, wirft er in seinen Gefängnisbriefen enttäuscht vor, er sei zu einem „Offenbarungspositivismus“ gekommen, der letzten Endes doch im Wesentlichen Restauration geblieben sei (Widerstand und Ergebung 306). Bonhoeffer will mehr. Er will - wie er es nennt - ein „religionsloses Christentum“. Ein Christentum, das sich voll und ganz zur modernen, aufgeklärten Welt stellt und darauf verzichtet, Gott bei Bedarf als Bestandteil dieser Welt abzurufen. Es gehört deshalb für Bonhoeffer zur „intellektuellen Redlichkeit“, die „Arbeitshypothese“ Gott fallen zu lassen, nicht an den (griechischen) deus ex machina zu glauben und „ohne Gott mit dem Leben fertig zu werden“. Denn Bonhoeffer will gleichsam den Gott ohne Gott, den wahren Gott ohne unsere Projektionen, Wünsche und Bedürfnisse, den Gott aber auch, der sich nicht im Geschehen der Welt verrechnen lässt und uns deshalb dazu zwingt, unser Leben mündig und selbständig zu leben. Bonhoeffer drückt dies mit der einprägsamen Formel aus, dass wir „vor und mit, aber ohne Gott“ leben. Ein solcher religionsloser Gottesglaube aber macht eine – wie er es nennt – „nicht-religiöse Interpretation der biblischen Begriffe“ notwendig. Christus, das Wort Gottes, muss in nicht-religiöser Weise zum Ausdruck gebracht werden. Und dies geschieht, indem wir uns bewusst machen, dass wir Menschen im Vorletzten leben.

Wir sehen also: Ausgehend von der Frage, wie Christus hier und heute Gestalt gewinnt, kommt Bonhoeffer zunächst auf die Ethik bzw. auf die Frage, wie unser Leben gestaltet werden soll, und dann zur Frage, wie diese Ethik als Ethik im Vorletzten in religionsloser, moderner Sprache zum Ausdruck gebracht werden kann. Ich finde diese Konsequenz, aber auch diesen Mut bemerkenswert. Bonhoeffer behält seine Frage nach Christus genau im Blick, aber ist doch mutig genug, sie neu und gleichsam ohne Christus anzugehen. Was nun also ist für Bonhoeffer diese Ethik im Vorletzten ?

Für Bonhoeffer sind drei Dinge besonders wichtig (Ethik 146): Ethik im Vorletzten ist, 1. eine relative Ethik, 2. eine prozesshafte Ethik, 3. eine tapfere Ethik. Lassen Sie mich dies erläutern.

Ethik im Vorletzten ist eine relative Ethik

Eine Ethik, die darum weiss, dass sie sich im Vorletzten bewähren und nicht in das Letzte flüchten kann, bleibt relativ. Sie verzichtet darauf, Werte, Normen, Regeln absolut zu setzen, bleibt sich statt dessen ihrer Situationsgebundenheit bewusst und sucht immer wieder danach, was der Wille Gottes in einer konkreten Situation sein kann. Sie ist entsprechend nicht ideologisch oder fundamentalistisch, sondern kontextuell. Sie weiss, dass sie nicht in der Lage ist, über Gut und Böse zu richten. Gott allein ist in der Lage, zu richten. Der Menschen ist dazu nicht fähig. Wer dies dennoch zu tun versucht, handelt, wie er schreibt, wie ein Pharisäer. „Es handelt sich bei dem Pharisäer nicht um eine zufällige historische Zeiterscheinung, sondern es handelt sich um den Menschen, dem in seinem ganzen Leben nur das Wissen um Gut und Böse wichtig geworden ist, also um den Menschen der Entzweiung schlechthin.“ (Ethik 29). Unmöglich ist für Bonhoeffer damit jeder Versuch des Menschen, formal oder kasuistisch zu urteilen, was gut und was böse ist. Alle weltlichen Standards – und er nennt hier: Vernunft, Prinzip (ethischer Fanatismus), Gewissen, Pflicht, freie Verantwortung, private Tugend – alle diese Standards genügen nicht, um ein wirklich ethisches Handeln zu begründen und zu motivieren; keine dieser Standards setzte genügend Kraft frei, dem Nationalsozialismus Widerstand zu leisten. Was es demgegenüber braucht, ist das Hören und Tun des Willens Gottes. Das aber ist nichts anderes als „das Wagnis, weder abstrakt noch kasuistisch, weder programmatisch noch rein erwägend von dem Gestaltwerden der Gestalt Jesu Christi in unserer Welt zu sprechen. Hier werden konkrete Urteile und Entscheidungen gewagt werden müssen. Hier kann Entscheidung und Tat nicht mehr dem Einzelnen in sein persönliches Gewissen geschoben werden, sondern hier gibt es konkrete Gebote und Weisungen, für die Gehorsam gefordert wird.“ Ethik im Vorletzten ist als relative Ethik also keineswegs eine unverbindliche und abstrakte Angelegenheit. Sie verlangt immer, dass die Gestalt Jesu Christi je neu im konkreten Hier und Heute wahrgenommen und gestaltet, also konkret gelebt, wird.

Ethik im Vorletzten ist eine prozesshafte Ethik

Eine Ethik, die darum weiss, dass sie das Vorletzte und nicht das Letzte gestaltet, ist sich bewusst, dass sie sich nie mit dem Vorletzten zufrieden geben kann, dass sie auf neue Fragen neue Antworten generieren muss und darf, dass sie nicht zu resignieren braucht und das Kommen des Himmelreichs im Blick behalten darf, mit einem Wort: dass sie eben eine prozesshafte Ethik bleibt. Das Letzte ist auf dem Weg immer auch mit dabei: Ohne Gott sind wir auch mit und vor Gott. Diese Hoffnung, diese Ressource muss spürbar bleiben. Bonhoeffer spricht nicht einer Gott-ist-tot-Theologie das Wort, die es aufgegeben hat, auf Gott zu vertrauen. Er spricht vielmehr von „Wegbereitung“. Wer sich auf den Glauben einlässt, ist auf dem Weg, nämlich auf dem Weg durch die Zeit, in welchem das Ewige im Zeitlichen gegenwärtig wird. Wer auf diesem Weg wandelt, steht immer in der Ausrichtung auf das Letzte und handelt in stellvertretender Verantwortung für das Letzte, aber zugleich doch ganz unter den Bedingungen des Vorletzten. Er hat den Auftrag, den Willen Gottes zu tun, im Wissen, dass er unter dem Gericht Gottes steht. Bonhoeffer schreibt: „Der Hungrige braucht Brot, der Obdachlose Wohnung, der Entrechtete Recht, der Vereinsamte Gemeinschaft, der Zuchtlose Ordnung, der Sklave Freiheit...Dem Hungernden Brot verschaffen ist Wegbereitung für das Kommen der Gnade.“ (Ethik 145f) Ethik im Vorletzten als prozesshafte Ethik heisst also: danach suchen wie man Brot, Wohnung, Unterstützung geben kann; darum ringen wie man der Realität des Gekreuzigten, der Realität des Gerichts, der Realität des Leiden im Vorletzten standhalten kann; und als solches ist sie Wegbereitung für das Letzte, das Kommen der Freiheit, der Gerechtigkeit, der Versöhnung.

Ethik im Vorletzten ist auch eine tapfere Ethik

Dieser Aspekt ist heute wohl der schwierigste von allen; denn er fordert, dass man sein Leben überhaupt in die Perspektive einer Ethik im Vorletzten stellt. Wer sich nicht darüber Gedanken macht, dass es ein Vorletztes gibt, kommt nicht zum Letzten. Wer das Vorletzte versäumt, kommt auch nicht zum Letzten. Das Vorletzte aber ist und bleibt die Krise: das Stehen unter den Bedingungen der Welt, aber ohne deren Sicherheiten; das Erleben, dass man alles, was man hat, weiss, will, immer auch loslassen muss und nichts anderes tun kann als sich dem Willen Gottes auszusetzen. Es ist das bedingungslose Vertrauen in Gott, um ohne Gott unter den Bedingungen der Welt zu leben, es ist der Mut, an den Gott zu glauben, der sich den Gesetzen der Welt radikal unterwirft, der unter diesen Gesetzen mit uns ist, aber uns in diesen verlässt. Wir hören den Schrei Jesu: mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen (Mk 15,34). Diese Realität bleibt für eine Ethik im Vorletzten bestehen: „Vor und mit Gott leben wir ohne Gott.“ Die Gesetze der Natur, die Gesetze der Welt und auch die Gesetze des Staats sind von Gott eingesetzt, behalten im Vorletzten – daran lässt der Lutheraner Bonhoeffer keine Zweifel – ihre Gültigkeit und können nicht schuldlos gebrochen werden. Dass dies unter Umständen äusserste Tapferkeit abverlangt, hat Bonhoeffer an seinem Beispiel illustriert: im Vertrauen auf Gott, aber im Wissen, ohne Gott mündig entscheiden zu müssen, schliesst er sich der Konspiration mit allem, was dies bedeutet, an. Die Konsequenzen dieser Entscheidung kennen wir. Für Bonhoeffer war dieser Schritt jedoch nichts anderes als die notwendige Gestaltung Christi in seinem Leben. Ethik im Vorletzten bleibt deshalb eine tapfere Ethik, weil sie sich immer wieder der Krise des Vertrauten und Angenehmen aussetzt, um dem Letzten Raum zu verschaffen.

Hier möchte ich einmal abbrechen und zu meinem 3. Teil kommen. Die Ethik im Vorletzten wie sie Bonhoeffer entworfen hat kann uns offensichtlich zum Nachdenken anregen und uns dazu motivieren, danach zu fragen, was sie im Kontext der Post-Moderne bedeuten könnte.

Bonhoeffers Ethik im Kontext der Postmoderne

Wenn ich aus heutiger, post-moderner Perspektive mit Bonhoeffer das Gespräche suche, dann tue ich dies, weil mich das Ineinander von Offenheit und Standhaftigkeit seiner theologischen Ethik anspricht. Natürlich kann man darüber spekulieren, ob er, wenn er den Krieg überlebt hätte, ebenso wie Karl Barth immer stärker seinem eigenen System erlegen wäre. Immerhin scheint mir aber, dass der fragmentarische Charakter, in welchem uns Bonhoeffers Gedanken überliefert sind, formal sehr gut zu ihrem Inhalt passen. Bonhoeffer hat sich mit seiner Frage, wie Christus hier und heute unter uns Gestalt gewinnt, gleichsam heuristisch positioniert: Er hat sich durch das standhafte Bleiben bei seiner heuristischen Frage einerseits eine innere Klarheit und Aufrichtigkeit bewahrt, die ihn vor Willkür und Beliebigkeit verschonte, aber er hat sich andererseits stärker mit der Frage als mit möglichen Antworten identifiziert bzw. er ist mehr Suchender als Besitzender geblieben. Er blieb sich bewusst, dass es keinen Glauben an Christus gibt, der nicht danach fragt, was er für das Hier und Heute bedeutet, so dass nicht einmal Platz für ein Festhalten von Christus als absolutem Wert oder abstrakter Idee gibt. Ich denke, dass sein Glaube gerade deswegen – wegen dieser Kombination von Standhaftigkeit und offenem Suchen – durch seine Frische besticht und dazu ermutigt, immer wieder neu auf den Willen Gottes zu horchen, diesen zu formulieren und in die Praxis umzusetzen. Dies allein finde ich bemerkenswert.

Seine Unterscheidung von Vorletztem und Letzten hat hierfür paradigmatische Bedeutung. Natürlich wird man – gerade wenn man Bonhoeffers Intention im Sinne hat – nicht seine Terminologie absolut setzen. Seine Unterscheidung von Vorletztem und Letztem ist eine metaphorische, und der Metaphern sind viele, die ebendiese Unterscheidung zu vermitteln suchen. Ich erinnere hier bloss an die Tradition der Mystik, die mit immer wieder neuen Sprachspielen dem Unsagbaren das Wort zu sprechen versucht, sich darin verschwendet und dem Scheitern preisgibt, und doch nicht anders kann, als davon zu erzählen. Und dies keineswegs nur als intellektuelles Spiel, sondern ganz lebenspraktisch. Ich erinnere an Meister Eckeharts Lob der praktisch tätigen Marta gegenüber der kontemplativen Maria, ich erinnere an das Martyrium von Margarete Porete, und ich erinnere an das kirchenpolitische Engagement von Nikolaus Cusanus, dem Verfasser der docta ignorantia. Das Wissen um die „Lücke im Programm“, um den „Spalt im Kosmos“ ist als Kontext von Bonhoeffers Unterscheidung von Vorletztem und Letztem ein geläufiges Thema mystischer Theologie, ohne dass deswegen ein bestimmtes Sprachspiel favorisiert werden müsste.

Folge ich diesem mir – wie Sie unschwer festgestellt haben – sympathischen Ansatz, wäre es sicher verfehlt, Bonhoeffer bloss historisch zu betrachten und darüber zu urteilen, ob er damals richtig oder falsch gehandelt hat. Vielmehr stellt er ja auch uns in die Frage, wie Christus hier und heute unter uns Gestalt gewinnt. Dies ist die Frage, die wir uns, wenn wir mit Bonhoeffer das Gespräch suchen, zu beantworten haben. Ohne nun allerdings zu versuchen, auf diese Frage bereits eine Antwort zu geben, möchte ich nun ein paar Fragen stellen, die sich mir für die Beantwortung dieser Frage stellen.

1. Bonhoeffers Ethik im Vorletzten führt in eine „tapfere Ethik“, eine Ethik, die Menschen dazu ermutigt, im Vertrauen auf Gott unter den Gesetzen der Welt widerstandsfähig zu werden und in mündiger Verantwortung bereit zu sein, Schuld als Schuld anzuerkennen, zu übernehmen und die Konsequenzen dafür zu tragen. Vorausgesetzt ist dazu eine starke, reife und verantwortungsvolle Persönlichkeit, welche die Ambivalenz des „vor und mit Gott“ auf der einen Seite, und das „ohne Gott“ auf der andern zu tragen in der Lage ist, ohne deswegen zum Übermenschen werden zu wollen, nach welchem Nietzsche ruft. Ich möchte deshalb fragen, was es braucht, um einerseits so ichlos zu werden, dass die „tapfere Ethik“ nicht wieder eine menschliche Leistung wird, und andererseits so ichstark, dass man sie wie von selbst, gleichsam natürlicherweise erfüllen kann.

2. Bonhoeffers Ethik im Vorletzten ist zwar bereit, alles zu prüfen, aber weigert sich über Gut und Böse zu richten, weil die richtenden Massstäbe nur vom Letzten her gesetzt werden können. Sie spricht insofern einem Wertepluralismus das Wort, einem pragmatischen Prüfen dessen, was in der konkreten Situation verantwortungsvoll erscheint, ohne sich durch allgemeine Normen und Prinzipien leiten lassen zu wollen. Offensichtlich ist eine solche Ethik gut kompatibel mit der postmodernen – z.B. von Jacques Derrida erhobenen – Forderung, gegebene Werte und Ideen auf ihre Kontextualität hin zu dekonstruieren und eine in welcher Form auch immer als endgültig behauptete Ontologie als menschliche Konstruktion aufzudecken, um statt dessen der Unsicherheit standzuhalten, die auf diese Weise entsteht. Allerdings ist jedoch genau dies heute ein Problem. Die erfahrene Unsicherheit kann leicht durch reaktionäre oder gar fundamentalistische Strukturen kompensiert werden. Meine Frage lautet deshalb: Wie kultiviert man in nachhaltiger und lebbarer Weise die Unsicherheit, die einer Ethik im Vorletzten eigen ist, um mit ihrer Relativität und Prozesshaftigkeit gut leben zu können?

3. Bonhoeffers Ethik im Vorletzten ist durch die Spannung von Vorletztem und Letztem gebildet. Diese Spannung geht allem ethischen Denken voraus und eröffnet eine kosmologische Dimension: die schöpfungstheologisch gesetzte und eschatologisch realisierte Grundspannung von Himmel und Erde. In dieser Grundspannung werden beide Pole nur durch den andern was sie sind. Sie sind gleichursprünglich, lassen sich nicht aufeinander reduzieren, aber auch nicht voneinander abkoppeln. Sie bilden – um die alte christologische Formel des Chalzedonese aufzunehmen – ein ungemischtes, unverwandeltes, ungesondertes und ungetrenntes In-einander, eine Perichorese (wie man in der Alten Kirche sagte). Diese heute in der – leider vor allem nur in Amerika bekannten – Prozesstheologie* wieder aufgenommene Einsicht hat die Frage, was Religion ist, erneut gestellt. Ich möchte deshalb fragen, was Bonhoeffers These vom „religionslosen Christentum“ aus dieser Perspektive bedeutet ? So richtig seine Kritik am deus ex machina ist, so sehr wird man auf der Grundlage seiner Unterscheidung von Vorletztem und Letztem aus heutiger Sicht betonen müssen, dass diese ein religiöses apriori darstellt, das uns in jedem Moment vorgegeben ist. Die Frage nach der Bedeutung seiner Religionskritik stellt sich damit unweigerlich noch einmal.

4. Bonhoeffers Ethik im Vorletzten zielt darauf ab, dass die Macht des Letzten unter den Bedingen des Vorletzten wirksam bzw. in Bonhoeffers Worten gesagt, dass Christus wirklich „Herr der Welt“ wird. Sie führte ihn zwangsläufig in die politische Ethik, in die Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Recht der Regierung und des Gesetzes und natürlich in die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. In unserer postmodernen Situation stellt sich die Machtfrage komplexer, vielschichtiger, mehrperspektivischer. Macht ist heute eine Geflecht anonymer, unsere Gesellschaft untergründig beherrschender Diskurse, oder um einen Ausdruck von Michel Foucault zu benutzen, ein Regime der Wahrheit. Wenn Christus hier und heute als Herr der Welt gedacht werde soll, stellt sich mir deshalb folgende Frage: Ist die Macht des Letzten unter den Bedingungen des Vorletzten heute und hier so etwas ist wie die „Praxis einer ultimativen Metaperspektive“ ? Könnte Christus als Herr der Welt heute nicht die Souveränität sein, die gross genug ist, um über Ressourcen zu verfügen, ohne sie festzuhalten ? die barmherzig genug ist, um Leiden wahrzunehmen und zu verkleinern, ohne daran zu verzweifeln ? die frei genug ist, um der Welt zu dienen, ohne sich von ihr verführen zu lassen ?

5. – und mit diesem Punkt möchte ich einmal aufhören. Auch Bonhoeffers Ethik im Vorletzten ist soviel Wert, wie sie Motivation für ihre praktische Umsetzung freisetzt. Sie tut dies, indem sie sich an der Gestalt Jesu Christi orientiert und danach fragt, wie diese hier und heute Gestalt gewinnt. Auf die Wahrnehmung und Gestaltung dieser Gestalt kommt es an. Mir stellt sich hier die Frage: Ist eine solche Fundierung der Ethik nicht letztlich eine Fundierung in der Ästhetik ? Geht sie nicht davon aus, dass man die Schönheit der Gestalt Jesu Christi „sehen“ muss, um davon so erfüllt zu werden, dass man sie hier und heute gestalten will ? Wenn ich die Frage so stelle, dann keineswegs kritisch, sondern um der in der protestantischen Theologie gerne vergessene Kategorie des Schönen ein Wort zu sprechen. Und natürlich geht es bei dieser Schönheit um eine besondere Schönheit: um die Schönheit unbedingter Liebe unter den Bedingungen der Welt. Aber es ist doch so: wer diese Schönheit einmal gesehen hat, will natürlicherweise und ohne falsche Künstlichkeiten genau sie im Angesicht des Guten und Bösen dieser Welt Gestalt werden lassen. Das Schöne könnte deshalb als Motivation für die konkrete Umsetzung einer Ethik im Vorletzten gerade ein sehr taugliches Mittel sein. Und das ist es ja, worauf es bei einer Ethik letztlich drauf ankommt.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

*Eine ausgezeichnete Einführung in die amerikanische Prozesstheologie bietet: Roland Faber (2003): Gott als Poet der Welt. Anliegen und Perspektiven der Prozesstheologie, Darmstadt.

Der vorliegende Vortrag wurde am 7. November 2006 auf Einladung des Vereins für freies Christentum im Calvinhaus, Bern, gehalten. 

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