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Bonhoeffer: »Dem Rad in die Speichen fallen«

Ein Artikel, der auf stringente Weise die 'politische Biographie' von Bonhoeffer nachzeichnet und dabei auch auf seine Schweizer Kontakte verweist. Von Walter Wolf

Der 1906 geborene Dietrich wuchs im Kreis von sieben Geschwistern auf. Nach seinen eigenen Worten gehörte er einer Familie an, die sich seit Generationen um das Wohl des deutschen Volkes verdient gemacht hatte. Sein Vater war Professor für Psychiatrie, seine Mutter kam aus einem Pfarrhaus. Mit 17 bestand Dietrich das Abitur, mit 22 das theologische Doktorexamen. Auf das Studium folgte ein Vikariat bei der deutschen evangelischen Gemeinde in Barcelona. Diese hätte ihn am liebsten behalten, doch zog er es vor, sich an der Berliner Theologischen Fakultät zu habilitieren.

Freundschaft mit Erwin Sutz

Ein Stipendium ermöglichte Bonhoeffer 1930/31 einen Studienaufenthalt in New York. Dort befreundete er sich unter anderem mit dem Zürcher Pfarrer Erwin Sutz. Dessen Tochter Christa Edlin-Sutz ist in Schaffhausen als SN-Gerichtsberichtserstatterin und Korrespondentin des Regionaljournals von Radio DRS bekannt. Die beiden Männer dachten politisch und theologisch ähnlich; ihre Freundschaft währte bis zu Bonhoeffers frühem Tod. Sutz wurde auch Bindeglied zwischen Dietrich und dessen Zwillingsschwester Sabine, nachdem sie 1938 mit ihrem jüdischen Gatten nach England emigriert war.

Bei der Rückkehr aus New York fand Bonhoeffer seine Heimat in einem politischen und wirtschaftlichen Chaos vor. "Es sieht wirklich unerhört ernst aus", bemerkte er in einem Brief an Sutz. Man habe hier den "bestimmenden Eindruck, vor ganz grossen Wendungen [...] zu stehen". Auffallend ist, dass Bonhoeffer die grösste Gefahr im Bolschewismus erkannte. Den Nationalsozialismus sah er damals als das kleinere Übel an. Als aber Hitler im April 1932 bei einer Reichspräsidentenwahl mehr als ein Drittel aller Stimmen machte, wurde der Rechtsextremismus für Bonhoeffer das Thema Nummer eins. Der Studentenpfarrer an der Technischen Hochschule Berlin nahm mit wachsender Sorge die nazistische Verblendung seiner Studenten wahr.  

Mit Hitlers Machtübernahme setzte der politische Druck auf die Kirchen ein. Einerseits wehrte sich Bonhoeffer für die Freiheit der Verkündigung, andererseits äusserte er Fluchtgedanken. Gegenüber Pfarrer Sutz zog er ein Ausweichen nach London in Erwägung – "oder haben Sie gerade in der Schweiz eine nette Professur für mich offen?" Tatsächlich übernahm der Theologe im November 1933 ein Londoner Auslandspfarramt. In England lernte er George Bell, den anglikanischen Bischof von Chichester, kennen. Bell sollte später, im Widerstand gegen Hitler, eine wichtige Ansprechperson von Bonhoeffer werden.

Wieder zurück aus London, übernahm dieser im Frühling1935 die Leitung des Predigerseminars Finkenwalde bei Stettin. Es sollte, neben weiteren Seminaren, den theologischen Nachwuchs für die nazigegnerische Bekennende Kirche sicherstellen. Anfänglich wirkte Bonhoeffers strenge Disziplin befremdlich auf die Kandidaten, die nach abgeschlossenem Studium auf das Pfarramt vorbereitet wurden. Bald aber lernten sie die intellektuelle, sportliche und musische Begabung ihres 30-jährigen Lehrers schätzen. Im Unterricht wurden Rassegedanken, Volkstumsbegriff und Antisemitismus von der Heiligen Schrift her kritisch hinterfragt. Dies missfiel natürlich den neuen Herren Deutschlands. Im Herbst 1937 wurde das Predigerseminar von der Gestapo geschlossen. Aber Bonhoeffer liess sich nicht unterkriegen. "Anfang nächster Woche fangen wir wieder an", lautete seine Parole. Als "Sammelvikariat" getarnt, wurde das Predigerseminar in den Wäldern Hinterpommerns weitergeführt, bis im März 1940 die Gestapo abermals eingriff.

Im Widerstand

Bereits im April 1933, als Geschäfte von Juden boykottiert und jüdische Beamte aus dem Staatsdienst ausgeschlossen wurden, hat sich Bonhoeffer auf die Seite der Diskriminierten geschlagen. Die Kirche, meinte er, habe sich darauf vorzubereiten, dass sie nicht nur die Opfer verbinden, sondern "dem Rad selbst in die Speichen fallen" müsse. Hellsichtig fasste Bonhoeffer die Gefahr ins Auge, dass der Rechtsstaat zu einen Unrechtsstaat werden könnte. In diesem Fall wäre Widerstand angezeigt. Aus dem Jahr 1935 stammt dann der Ausspruch: "Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen." Der Theologe liebte diesen Gesang, den er in den evangelischen Gottesdienst einführen wollte. Aber "gregorianisch singen", das heisst, den Glauben bekennen, setze voraus, dass man sich für die geplagten Juden wehre. Später, im Zweiten Weltkrieg, beteiligte sich Bonhoeffer an einer Rettungsaktion für Berliner Juden.

Was sich 1933 erst vage abgezeichnet hatte, nämlich Widerstand im Unrechtsstaat, wurde 1940 Wirklichkeit. Via seinen Schwager Hans von Dohnanyi erhielt Bonhoeffer Einblick in ein geheimes Dossier über die Verbrechen der Nazis. Der Jurist Dohnanyi hatte sich zur "Abwehr" gemeldet, die unter Admiral Canaris Gegenspionage für die Wehrmacht betrieb. Dort bildete sich ein Kreis von Verschwörern heraus, welche auf den Sturz Hitlers hinarbeiteten. Dohnanyi gliederte Bonhoeffer in diesen Zirkel ein. Jetzt begann ein Doppelleben. Getarnt als Verbindungsmann des deutschen Geheimdienstes, sollte der Theologe Kontakte zu den Alliierten herstellen. Dahinter stand eine ethische Entscheidung: Wollte man weitere Verbrechen verhindern, musste Deutschland von der Hitlerpest befreit werden. Hiefür bedurfte es der Zusammenarbeit mit dem Kriegsgegner. Bonhoeffer ging dabei das Risiko ein, ins Zwielicht zu geraten.

Drei Reisen führten ihn 1941/42 in die Schweiz, wo er via Ökumenischen Rat bei den Westalliierten sondieren sollte, unter welchen Bedingungen ein Sonderfriede möglich sei. Doch stiess der Versuchsballon in London auf unüberwindliches Misstrauen. Churchill meinte, zum deutschen Widerstand gewandt: "Ihr könnt alles haben, aber vorher bringt uns den Kopf Hitlers." Das Einzige, was Bonhoeffer erreichte, war, dass er bei seinem Basler Kollegen Karl Barth den Verdacht, "umgefallen" zu sein, auszuräumen vermochte.

Ein weiterer Sondierauftrag führte Bonhoeffer 1942 nach Schweden. Dort kam es zu einer Begegnung mit Bischof Bell, den er von seiner Londoner Zeit her kannte. Wieder ging es um die Frage, unter welchen Bedingungen ein von Hitler befreites Deutschland Frieden zu erwarten habe. Und wiederum zeigte sich die britische Regierung zugeknöpft. Es liege nicht im nationalen Interesse, erklärte Aussenminister Eden dem Bischof, der deutschen Opposition auch nur eine Antwort zukommen zu lassen.

Politische Differenzen 

Seit der Konferenz von Casablanca Anfang 1943, als sich Churchill und Roosevelt auf die Formel "bedingungslose Kapitulation" geeinigt hatten, galt der Terminus "Kompromissfrieden" als Unwort. Eine anglo-amerikanische Annäherung an den deutschen Widerstand hätte nämlich den Argwohn Stalins geweckt. Die Anti-Hitler-Koalition durfte auf keinen Fall durch Sonderverhandlungen aufs Spiel gesetzt werden. Dies hatten Bonhoeffer und seine Mitverschwörer nicht bedacht, als sie davon ausgingen, dass sie sich ja für ähnliche Werte einsetzten wie England und die USA.

Es gab auch Differenzen unter den Widerstandskämpfern. Bonhoeffer, Dohnanyi und andere waren überzeugt, dass Hitler – um Deutschland willen – beseitigt werden müsse, auch wenn man sich dabei mit Blut beflecke. Helmuth von Moltke dagegen, der auf seinem schlesischen Gut eine weitere Gruppe von Verschwörern versammelte, wandte sich dezidiert gegen Mordpläne. Damit beschwöre man höchstens eine "Dolchstosslegende" herauf, welche unterstelle, dass Deutschland nur des Tyrannenmords wegen den Krieg verloren habe. Das deutsche Volk müsse durch die Niederlage hindurch, damit es lerne, der historischen Wahrheit ins Gesicht zu schauen. Denselben Standpunkt hat Karl Barth gegenüber Bonhoeffer vertreten.

Nach dem Scheitern zweier Anschläge auf Hitler wurden Bonhoeffer und Dohnanyi am 5. April 1943 verhaftet. Jetzt konnten sie nicht mehr länger "dem Rad in die Speichen fallen". Sie mussten um ihr eigenes Überleben kämpfen.

Das Ende

Dietrich Bonhoeffer sollte des Hoch- und Landesverrats überführt werden. Doch wurde er nicht gefoltert. Durch sein freundliches Wesen fand er sogar verständnisvolle Beamte, die ihm die Haft erleichterten. Mit ihrer Hilfe gelang es ihm, Briefe, vor allem an seine Braut Maria von Wedemeyer, aus dem Militärgefängnis hinauszuschmuggeln. Auch entstanden einige Gedichte: neben dem bekannten Lied "Von guten Mächten" die Verse: "Wer bin ich?" Darin wird geschildert, wie er sich selber ganz anders als seine Umwelt erlebt. Man sage von ihm, er "trüge die Tage des Unglücks gleichmütig, lächelnd und stolz", während er sich "unruhig, sehnsüchtig, krank wie ein Vogel im Käfig" fühle.

Nach dem Attentatsversuch auf Hitler am 20. Juli 1944 wird Bonhoeffer in das berüchtigte Gestapogefängnis an der Prinz-Albrecht-Strasse verlegt. Nun ist der Alltag wesentlich härter. Ein verheerender Bombenangriff auf Berlin hat zur Folge, dass der Gefangene im Februar 1945 nach Buchenwald gebracht wird. Zwei Monate später erfolgt der Abtransport ins Ungewisse. Bevor Bonhoeffer – auf Hitlers Befehl – zur Hinrichtung geführt wird, sagt er zu einem englischen Gefangenen: "Dies ist das Ende; für mich der Beginn des Lebens." Zugleich bat er ihn, Grüsse an Bischof Bell auszurichten. Am 9. April wird er zusammen mit Admiral Canaris und weiteren Widerstandskämpfern im Konzentrationslager Flossenbürg erhängt, während Dohnanyi, "das geistige Haupt des 20. Juli", anderswo ermordet wird. Nach dem Zeugnis des zuständigen Gerichtsarztes hat Bonhoeffer nach kurzem Gebet "mutig und gefasst die Treppe zum Galgen" bestiegen.

Drei Monate später hält Bischof Bell in der Londoner Trinitätskirche einen Gedächtnisgottesdienst. Als Leitgedanke dient, wie heute bei der Bonhoeffer-Skulptur in Westminster Abbey, der Spruch: "Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche." Die Trauerfeier wird nach Deutschland übertragen und von Bonhoeffers Eltern am Radio mitverfolgt.

Für ein besseres Deutschland 

Die Widerstandsbewegung gegen Hitler war nicht frei von Illusionen, Widersprüchen, Rückschlägen und Misserfolgen. Sie hat ihr Ziel, die Befreiung Deutschlands von der Hitlerei, nicht erreicht. Dennoch ist sie in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen. Sie legt Zeugnis ab von einem besseren Deutschland, das selbst in dunkelster Nacht den Keim zu neuer Entfaltung in sich barg. Dies hat Winston Churchill 1946 vor dem britischen Unterhaus bestätigt: "In Deutschland lebte eine Opposition, die [...] zu dem Edelsten und Grössten gehörte, was in der politischen Geschichte aller Völker je hervorgebracht wurde. Diese Männer kämpften ohne Hilfe von innen oder aussen, einzig getrieben von der Not ihres Gewissens. [...] Ihre Taten und Opfer sind das unzerstörbare Fundament eines neuen Aufbaus."

Verwendete Literatur:  Josef Ackermann, Dietrich Bonhoeffer – Freiheit hat offene Augen, Gütersloh 2005; Ferdinand Schlingensiepen, Dietrich Bonhoeffer 1906–1945, München 2005.

Zum Autor: Walter Wolf ist Historiker, Journalist und Buchautor und lebt in Schaffhausen

Kontakt: walter.wolf@freesurf.ch

Aus: Schaffhauser Nachrichten, 3. Februar 2006